Treffpunkt Gesundheit

Darf es ein bisschen weniger sein?

„Der Medikamenten-Cocktail älterer Menschen erinnert häufig an ein Glückspiel“, sagt Professor Dr. Ralf-Joachim Schulz, Chefarzt der Klinik für Geriatrie (Altersheilkunde) am St. Marien-Hospital. Im Gespräch mit Vitamin K erklärt er, warum weniger manchmal mehr ist, und worauf die Patienten oder ihre Angehörigen achten sollten.

Was muss bei der Medikation im Alter besonders beachtet werden?

Prof. Dr. Schulz: Bei älteren Menschen lässt die Funktion der Nieren nach, die unter anderem für den Abbau medizinischer Wirkstoffe im Körper zuständig ist. Außerdem verändert sich im Alter das Verhältnis von Muskelmasse und Körperfett und auch das hat Einfluss auf die Wirksamkeit der Medikamente. Werden Schmerzmittel, Beruhigungsmittel, Kortison oder bestimmte Antibiotika verschrieben, die aufgrund einer verschlechterten Nierenleistung nicht vollständig im Körper abgebaut werden können, besteht die Gefahr einer Überdosierung. Es kann zu Verwirrungszuständen (Delir ohne vorbestehende Demenz), Schwindel und Benommenheit kommen.

Ist es denn immer notwendig, dass ältere Menschen so viele verschiedene Medikamente bekommen?

Prof. Dr. Schulz: Das sollte regelmäßig überprüft werden. Ein etwa 85-jähriger Patient hat im Durchschnitt bis zu zwölf verschiedene Krankheitsbilder, von Bluthochdruck über Diabetes Typ 2 bis zu verschiedenen Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder chronischen Harnwegsinfekten. Diese Patienten nehmen teilweise bis zu neun verschiedene Medikamente am Tag ein. Nicht selten dient ein Medikament dazu, die Nebenwirkungen eines anderen aufzuheben oder abzuschwächen.

Wie behalten ältere Menschen da den Überblick?

Prof. Dr. Schulz: Studien zufolge ist es tatsächlich so, dass viel-e ältere Menschen damit überfordert sind. Je mehr Medikamente eingenommen werden, desto mehr sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass die Einnahme korrekt erfolgt. Häufig werden Medikamente auch weiter genommen, obwohl die Indikation nach einem gewissen Zeitraum gar nicht mehr besteht. Wechselnde Preise führen dazu, dass Apotheker den Anbieter wechseln. Dann hat der Patient zwar den gleichen Wirkstoff in der gleichen Dosierung, aber die Tablette ist nicht mehr klein und gelb, sondern weiß und groß. Eine Herausforderung für ältere Patienten.

Was kann man als Patient tun, wenn man das Gefühl hat, zu viel einzunehmen?

Prof. Dr. Schulz: Zweimal im Jahr kann man den Hausarzt um eine sogenannte „Medikamententoilette“ bitten. Dabei wird überprüft, ob alle Medikamente noch notwendig sind, ob eine geringere Dosierung ausreicht usw. In sehr komplexen Fällen kann der Hausarzt einen Patienten für ein paar Tage in die Geriatrische Tagesklinik überweisen. Hier wird er beobachtet und optimal eingestellt und kann abends wieder in sein häusliches Umfeld zurückkehren.

Chefarzt
Prof. Dr. Ralf-Joachim Schulz
Facharzt für Innere Medizin, Gastroenterologie, Ernährungsmedizin, Physikalische Therapie, Klinische Geriatrie, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie e.V. und der EUGMS

St. Marien-Hospital
Kunibertskloster 11-13
50668 Köln

Tel.: 0221 1629-2303 (Sekr.)
E-Mail: ralf-joachim.schulz@cellitinnen.de