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Lungen-OP ohne klassische Vollnarkose

Mit steigendem Alter sind große Eingriffe – zum Beispiel an der Lunge – mit einem hohen Risiko behaftet. Die Vollnarkose kann einen komplizierten Verlauf nach der Operation provozieren und eine besondere Belastung für den Patienten darstellen. Im St. Vinzenz-Hospital können Patienten, die bestimmte Kriterien erfüllen, auch ohne Vollnarkose an der Lunge operiert werden.

Ein bösartiger Pleuraerguss macht Erna Sieper das Leben schwer: Zwischen Rippenfell und Lunge hat sich Flüssigkeit angesammelt, die Lunge wird zusammengedrückt, die Atmung zunehmend erschwert. Die 89-Jährige muss operiert werden – und das mit allen Risiken, die eine solche Opera-tion unter Vollnarkose und Beatmung mit sich bringt.

Am St. Vinzenz-Hospital in Köln-Nippes sind die Thoraxchirurgen und Anästhesisten jedoch seit gut einem Jahr ein Stück weiter: Sie operieren, unter Beachtung wichtiger Ausschlusskriterien, ohne das Einführen eines Beatmungsschlauches und ohne die klassische Vollnarkose (völliges Ausschalten des Bewusstseins und medikamentöse Muskelentspannung). „Thoraxchirurgische Eingriffe in Spontanatmung (NI-VATS – nonintubated video-assisted thoracic surgery) gewinnen seit einigen Jahren an Popularität“, erklärt Frank Beckers, Chefarzt der Thoraxchirurgie. „So können wir den Patienten das Risiko und die Belastung einer künstlichen Beatmung ersparen ebenso wie die Nachwirkungen einer medikamentösen Muskelentspannung und Vollnarkose“, ergänzt Prof. Dr. Jürgen Lutz, Chefarzt der Anästhesie, Intensivmedizin und Schmerztherapie.

Und dieses Vorgehen ist beachtenswert: Die Patienten sind schneller fit und mobil und haben keine Nachwirkungen durch die, gerade bei älteren Menschen, oft belastende Vollnarkose. Besonders im Hinblick auf eine Delir- und Demenzprophylaxe ist ein solches Vorgehen Gold wert: „Wir machen häufig die Beobachtung, dass gerade bei alten Patienten eine beginnende Demenz durch einen Krankenhausaufenthalt und ganz besonders durch eine Vollnarkose massiv beeinflusst wird“, weiß Prof. Dr. Jürgen Lutz. Auch die Gefahr eines Delirs – einer akuten Veränderung in Verhalten, Bewusstsein und Aufmerksamkeit nach einer Narkose – könne so deutlich vermindert werden, erläutert der Mediziner.

Aber wie kann eine Operation ohne künstliche Beatmung überhaupt gelingen? Üblicherweise wird dem Patienten für eine solche Operation ein spezieller Beatmungsschlauch eingeführt – ein Schenkel des Beatmungsschlauches in den rechten, einer in den linken Lungenflügel. Frank Beckers erläutert: „Der gesunde Flügel wird normal beatmet, während man die andere Lungenseite künstlich zusammenfallen lässt, um Platz für die notwendigen Operationsschritte zu haben. Erst nach Abschluss des Eingriffes wird auch diese Seite wieder normal beatmet und ‚aufgerichtet‘.“

Bei einem sogenannten NI-VATS-Eingriff wird der Patient mit entsprechenden Medikamenten in einen tiefen Schlaf versetzt, bei dem das Schmerzempfinden komplett ausgeschaltet ist. Er atmet aber normal weiter. Die zu operierende Lunge fällt nach Öffnen des Rippenfells zusammen, so dass ein ausreichend großer Raum für den Eingriff entsteht. Die Operation kann nun genau so stattfinden wie sonst auch. Allerdings gebe es ausschließende Faktoren, berichtet Prof. Dr. Jürgen Lutz. Starkes Übergewicht und spezielle Atemstörungen sowie besonders große und komplizierte Eingriffe sprechen gegen das schonende Verfahren.

Es bedarf einer genauen Risiko-Abwägung durch die Ärzte und umfangreicher Erfahrung – sowohl bei den Anästhesisten als auch den Thoraxchirurgen. „Alles in allem bedeutet ein solcher Eingriff natürlich mehr Aufwand als einer mit künstlicher Beatmung“, weiß Frank Beckers. „Aber die Ergebnisse im Hinblick auf die Erholung des Patienten und die Auswirkungen bei Demenz und Delir sprechen für dieses Verfahren – wenn alle begrenzenden Faktoren berücksichtigt werden. Die Patienten sind bei und nach der Operation weitestgehend beschwerdefrei.“

Das St. Vinzenz-Hospital hat im gerade vollendeten ersten Jahr mit diesem Verfahren über 40 Patienten erfolgreich behandeln können. Die Daten dieser Erfahrungen werden wissenschaftlich aufgearbeitet.

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Chefarzt
Frank Beckers, MBA
Facharzt für Chirurgie und Thoraxchirurgie

St. Vinzenz-Hospital
Merheimer Str. 221-223
50733 Köln-Nippes

Tel.: 0221 7712-292
E-Mail: thoraxchirurgie.kh-vinzenz@cellitinnen.de

Chefarzt
Prof. Dr. Jürgen Thomas Lutz, DEAA, EDIC
Facharzt für Anästhesiologie

St. Vinzenz-Hospital
Merheimer Str. 221-223
50733 Köln-Nippes

Tel.: 0221 7712-122 (Sekr.)
E-Mail: anaesthesie.kh-vinzenz@cellitinnen.de